Wer nicht aus NRW kommt, glaubt womöglich, dass das Ruhrgebiet eine benachteilige, abgehängte Region ist. Und keinesfalls ein Ort für Erholung und ausgiebige Wanderungen. Doch das ist Unsinn! Die ehemaligen Stahl- und Kohlestädte bieten ungeahnte Urlaubsmomente. Ganz neu sind die Urban Trails im Ruhrgebiet: die 15 neuen Stadtwanderwege bieten Kultur, Kulinarik und Kurioses – plus geballte Natur! Ich bin auf den Urban Trails in Mülheim an der Ruhr, Gelsenkirchen und Dortmund gewandert.

Der Urban Trail in Gelsenkirchen
- Start: Zeche Holland / Ziel: Bahnhof Gelsenkirchen
- Gesamtlänge: 9 Kilometer
- Highlights: Himmelstreppe auf der Halde Rheinelbe / Skulpturenwald / Gründerzeitviertel Ückendorf / Kreativ-Kiez auf der Bochumer Straße / Café Ütelier
Ich steige aus der Straßenbahn und habe den Startpunkt gleich vor Augen: Mit über 40 Metern ist er auch kaum zu übersehen: Der frisch restaurierte Zechenturm der Zeche Holland glitzert und glänzt in der Sonne. Imposant und nostalgisch zugleich, ich verstehe, warum die Gelsenkirchener ihren Trail hier starten lassen. Kaum bin ich aus dem langen Schatten des Förderturms getreten, öffnet sich vor mir eine weite Ebene.
Landmarke Halde Rheinelbe
Als ob Riesen mit Lego-Steinen gespielt hätten – so wirkt die „Himmelstreppe“ auf der Halde Rheinelbe. Das Kunstwerk ist umgeben von einer kargen, vegetationsarmen Landschaft. Erst als ich näherkomme, erkenne ich die Details: Gut 30 massive Betonquader bilden zusammen eine Skulptur. Die unteren sind mit bunten Graffiti verziert. Ich lege meine Hand auf die kalten Blöcke, trete durch eine der schmalen Öffnungen ins Innere und fühle mich wie in einer Pyramide.


Spektakulärer Ausblick ins Ruhrgebiet
Da Halde und Himmelstreppe sehr zentral im Ruhrgebiet liegt, bietet sie einen perfekten Rundumblick – zugleich ist sie ein mystischer Ort, der viele Menschen insbesondere zum Sonnenuntergang anzieht. Wo die Mondlandschaft der Halde endet, beginnt dichter Wald.

Postindustrieller Skulpturenwald auf dem Urban Trail in Gelsenkirchen
Im Wald wuchert die Natur und hier und da poppen überraschende Kunstwerke auf: Steinkreise, Tore und Grotten – die Skulpturen sind genauso spektakulär wie die gigantische Himmelstreppe und stammen vom gleichen Künstler: Hermann Prigann, der bestehende Bergbaurelikte mit der sich verändernden Landschaft verknüpft. „Art-in-Nature“ heißt der Kunststil.
Gründerzeitviertel in Ückendorf
Aus dem wilden Skulpturen-Wald geht es weiter in einen kleinen Park, Kinder toben auf dem gepflegten Rasen. Und laufen dann in Richtung herrschaftlicher Häuser. Prächtige, pastellfarbene Fassaden mit Stuck und floralen Elementen – das Gründerzeitviertel von Ückendorf. Die Haustüren sind zweiflügelig, mit Oberlichtern, durch die Tageslicht ins Innere fließt – Downtown Abbey im Revier. Doch der englische Oberklassenflair währt nur wenige Minuten. Dann wandelt sich der Urban Trail wieder komplett. Erst Murals, dann eine klassische Arbeitersiedlung,die dörflich anmutet: Blühende Gärten umgeben hell verputzte Häuschen.

Kult-Kiez im Wandel – Kreativquartier Gelsenkirchen-Ückendorf
Dann folgt der spannendste Ort auf dem Urban Trail: Ratternd fährt eine Straßenbahn an Dutzenden Bauarbeitern vorbei, die den Boden der Bochumer Straße aufreißen. Die Straße ist die zentrale Lebensader in Ückendorf. Ein Kult-Kiez im Wandel: Vernagelte Schaufenster, kunstvolle Wandgemälde, versteckte Innenhöfe – ich denke spontan an die Bronx. Und freue mich über die vielen Entdeckungen, die ich auf der Straße mache.

Szene-Tipps auf dem Urban Trail
Das Café Ütelier ist ein loftartiges Lokal mit unverputzten Betonwänden, stylischen Lounge-Möbeln und einem bunt gemischten Publikum. New York Feeling in Gelsenkirchen! Wenige Meter weiter liegt das: „Hier ist nicht da“ – ein soziokulturelles Zentrum, das ein Füllhorn an oft kostenlosen Veranstaltungen anbietet – ausdrücklich auch für Wanderer auf den Urban Trails.



Der Urban Trail in Mülheim an der Ruhr
- Start und Ziel: Hauptbahnhof Mülheim
- Gesamtlänge: 12 Kilometer
- Highlights: MüGa-Park / Schloss Broich / Camera Obscura / Saarner Ruhrauen / Kloster Saarn / Fair1Heim
Ich komme am Bahnhof an. Der Zug ist fast pünktlich und meine Erwartung nach Gelsenkirchen gigantisch. Doch erst einmal laufe ich entlang einer wenig spektakulären Straße und über eine große Kreuzung. Insgesamt 6 oder 700 Meter, die mir wie eine Ewigkeit erscheinen – doch dann ist alles anders:

MüGa-Park Mülheim
Vor mir taucht eine stählerne Bogenbrücke auf. Ihre wuchtigen Pfeiler spiegeln sich im leuchtend blauen Wasser der Ruhr. Der Autolärm weicht dem Rauschen des Flusses und dem Lachen der Menschen – die alte Eisenbahnbrücke in Mülheim ist heute ein beliebter Aussichtspunkt und Teil des Radschnellweges Ruhr. Vor mir, hinter mir, links und rechts von mir – überall schimmert es blau-grün im MüGa-Park an der Ruhr. Von der Brücke gehe ich runter in den Stadthallengarten.



Naturrausch auf den Urban Trails im Ruhrgebiet
Die Stufen, die von der Brücke runter in den Garten führen, stehen sinnbildlich für die Urban Trails im Ruhrgebiet: Geballte Streetart und wild wuchernde Natur erschaffen zusammen eine neuartige Umgebung und ich brauche bestimmt zehn Minuten, bis ich mich satt fotografiert und gefilmt habe.

Märchenhaftes Schloss Broich
Nach der blühenden Tunneltreppe setzt sich der Naturrausch fort. Mülheims Garten an der Ruhr – kurz MüGa – ist ein weitläufiger Park, der 1992 im Rahmen der Landesgartenschau entstand. Die letzten Kirschbäume blühen. Wasser plätschert leise oder schießt als Fontäne in die Höhe. In einer massiven Bruchsteinmauer stehen große Holzportale einladend offen: dahinter liegt Schloss Broich – ein wildromantischer Ort, in dem gerne geheiratet wird. Es gibt auch ein Museum und seit kurzem steht allsonntäglich ein Foodtrack im Innenhof.

Kultur, Kulinarik und Kurioses auf dem Urban Trail in Mülheim Ruhr
Auch wenn in Mülheim die Natur im Fokus steht – Kultur, Kulinarik und Kurioses bietet auch dieser Trail. Etwa in Form von ausgefallenen Kiosken, den traditionellen Begegnungsstätten im Revier, und kleinen individuellen Conceptstores auf dem Schlossberg. Der Schlossberg ist ein schöner Straßenzug oberhalb von Schloss Broich, wo sich denkmalgeschützte Villen aneinanderreihen. Der Teil ist bewusst miteinbezogen worden in die Route, weil hier kleine Lädchen zum Stöbern, Shoppen oder Genießen gibt.
Spektakuläre Saarner Ruhrauen
Der Trail führt wieder runter zum Ufer der Ruhr, dann weiter in den Stadtteil Saarn und in die dortigen Ruhrauen. Schilf wächst an den Ufern. Überall singen, rufen und piepen Vögel. Ambitioniert versuche ich, einzelne Arten zu identifizieren, gebe aber schnell auf und plane, den Zwitschomat oder eine andere Vogelstimmen-App zu installieren. Aber erst einmal freue ich mich an dem vielstimmigen Gesang und den zutraulichen Nutrias. In der Saarner Idylle verläuft der Ruhrtalradweg parallel zum Urban Trail und hier liegt auch ein originelles Restaurant, das die Tourenplaner in den Streckenverlauf aufgenommen haben.


Restaurant-Tipps auf dem Urban Trail
„Sie bleiben draußen, Du bist willkommen.“ Steht auf einem großen Schild, das Wanderern den Weg zum versteckten Lokal weist. Das Fair1-Heim teilt sich die Räumlichkeiten mit einer Tennisakademie und einem Fitness-Club. Auf der Terrasse schaffen Strohschirme, Holzmöbel und chillige Musik Urlaubsfeeling. Die Speisen sind fair gehandelt, Bio-zertifiziert und originell gelabelt: So heißt ein indisches Linsengericht: Dalli Dalli und ein üppiger Salat Ruhr-Gebet.
Extra-Tipp: Unmittelbar an der Ruhr gibt es eine Dependance: Fair1-Heim in der Tomate. Mehr Ruhr-Romantik geht nicht!

Übernachtungstipps für die Urban Trails im Ruhrgebiet
Gerade die kürzeren Urban Trails im Ruhrgebiet sind perfekt für einen Tagesausflug. Mein persönlicher Tipp wäre allerdings, zwei sehr unterschiedliche Stadtwanderungen zu kombinieren: Etwa Gelsenkirchen plus Mülheim an der Ruhr, oder Mülheim an der Ruhr plus Dortmund.
In Mülheim war ich im sehr netten, direkt oberhalb der Ruhr gelegenen Hotel Kocks*.

Und in Dortmund habe ich im originellen Base Camp* gut genächtigt.


Der Urban Trail in Dortmund
- Start und Ziel: Bahnhof Dortmund
- Gesamtlänge: 15 Kilometer
- Highlights: U – Zentrum für Kunst und Kreativität / Westpark / Anne Möller Café / Raum für künstlerische Forschung / Hafen Dortmund / Umschlagplatz
Während ich nach Dortmund, zu meinem letzten Urban Trail fahre, überlege ich, welchen Beinamen ich den einzelnen Trails geben würde. Im Mülheimer Fall ist es einfach: Bietet der städtische Streifzug doch einen geballten Naturrausch. Gelsenkirchen ist vermutlich am besten mit Füllhorn zu umschrieben. Ich bin gespannt, was mich in Dortmund erwartet. Mit über 600.000 Einwohnern ist die Stadt die größte im Revier. Und mit 15 Kilometern ist der örtliche Trail auch der bis dato längste.

Dortmunder Wahrzeichen „U“
Vom Bahnhof gehe ich direkt zum „U“. Der neun Meter hohe und mit Blattgold ummantelte Buchstabe thront auf dem Dach der früheren Unions-Brauerei. Heute ist das wuchtige Backsteingebäude ein kulturelles Zentrum und weithin sichtbares Wahrzeichen. Ein gläserner Panoramaaufzug bringt mich zur Aussichtsplattform auf der Dachterrasse und ich genieße den fantastischen Blick auf die gesamte Stadt. Es zeichnet sich schon ab, dass der Dortmunder Trail ist im Gegensatz zu anderen urbaner und rauer ist.

Heute Park, früher Friedhof – Westpark
Doch zuerst einmal wird es grün und skurril – im Westpark, durch den der Trail nach dem „U“ führt. Ich setze mich auf eine der vielen Bänke. Genieße die Sonne auf meiner Haut und lasse den Blick schweifen. Er bleibt auf großen, verwitterten Grabsteinen hängen. Und ich erfahre, dass der nette Park früher ein Friedhof war: der Westentotenhof. Ich muss unwillkürlich an Steven Spielbergs Poltergeist denken, in dem eine Familie unwissentlich auf einem Friedhof wohnte und den Zorn der Toten auf sich zog. Kurz fröstelt es mich trotz der frühsommerlichen Temperaturen.

Kulinarik und Kreativität im Klinik- und Kreuzviertel
Direkt nach dem Westpark wird es geballt urban. Die Kleine Beurhausstraße im Klinikviertel ist relativ spät noch in den Urban Trail eingebunden worden, weil es besonders spannende gastronomische und überraschende kulturelle Angebote gibt.
Café-Tipp auf dem Urban Trail in Dortmund
Unter den vielen netten Lokalen im Klinik- und benachbarten Kreuzviertel spricht mich ein plüschiger, wohnzimmerartiger Ort besonders an: das Anne Möller Café. Ich esse gut und zu Preisen, die es in meiner Heimatstadt Köln zuletzt vor zehn Jahren gab.

Vis a vis vom Café liegt der nächste Ort, den ich nach meiner Erfahrung mit dem soziokulturellen Zentrum in Gelsenkirchen unbedingt besuchen wollte: Den Raum für künstlerische Forschung.
Raum für künstlerische Forschung
Sarah Hübscher ist eine der Gründerinnen von Frappanz e.V.. Der Verein hat vor sechs Jahren den originellen Ort gegründet, der Lesungen, Workshops, Konzerte, Begegnungen von Einheimischen, Besuchern und ausdrücklich auch Wanderern auf dem Urban Trail organisiert. Die Ehrenamtlichen verstehen ihr Angebot als Projektraum und offenes Labor, in dem ganz unterschiedliche Menschen miteinander ins Gespräch kommen.

Der Dortmunder Hafen auf den Urban Trails im Ruhrgebiet
Wenig später wandelt sich der Trail erneut komplett und zeigt eine kinoreife Kulisse: Der Kanalhafen Dortmund präsentiert historische Industriegebäude in Transformation, denn der Ort wird aktuell sehr stark umgestaltet. Wege am Wasser haben immer einen eigenen Reiz. Und im Dortmunder Hafen kommt noch eine spektakuläre Architektur und Gastronomie dazu.



Highlight auf der Dortmunder Stadtwanderung: der Umschlagplatz
Erst höre ich nur die Musik, die der Wind zusammen mit dem Geschrei einiger Möwen zu mir trägt. Dann sehe ich Tische, Bänke und Pflanzenkübel – vieles aus Europaletten zusammengehämmert und alles leuchtend blau gestrichen. Sonnenschirme und Rettungsringe schmücken die Hafenterrasse, vor der ein halbes Dutzend Schiffe liegen. Der ungewöhnliche Ort heißt Umschlagplatz und bietet Ibiza-Feeling.

Milena Rethmann betreibt das außergewöhnliche Hafen-Lokal zusammen mit ihrer Schwester auf dessen Gelände Flohmärkte, Yoga-Sessions, Konzerte, DJ-Abende und Festivals stattfinden. Arbeiter und Akademiker, Senioren und Studenten lieben den Umschlagplatz – und künftig sicherlich auch Wanderer auf den Urban Trails im Ruhrgebiet.
Weiterlesen – das Revier entdecken
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